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Ein sich verändernder Weinkonsum stellt die Branche vor grosse Herausforderungen. (Bild iStock)

Wein ist kein Laster, vielmehr ein Lehrer

15. Januar 2026 / Peter Keller

 

Gesundheitsapostel wollen Wein wegen seines Alkoholgehalts zu einem Risikogetränk degradieren. Aufgrund der jahrtausendealten Tradition ist dies kulturfeindlich. Ideologisch geprägte Kreise verkennen, dass Wein Geduld, Hingabe und Demut lehrt und – wenn massvoll genossen – nicht gesundheitsschädlich ist.

 

Der im Jahr 2025 verstorbene Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel hat einmal gesagt: «Wein hat eine Stimulanz mit intellektueller Wirksamkeit». Davon ist heute nicht mehr viel übriggeblieben, steht doch das Getränk von zahlreichen Seiten unter Druck. So geht der Konsum praktisch überall zurück. Auch hierzulande, wo der Rückgang im Jahr 2024 signifikante acht Prozent betragen hatte. Die Gründe? 15 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer würden gänzlich auf Alkohol verzichten, hat kürzlich eine neue Studie des digitalen Markt- und Meinungsforschers Marketagent Schweiz ergeben. Namentlich die jüngere Generation wendet sich immer mehr vom Wein ab und weicht auf alkoholfreie Alternativen aus.

 

Bewusster Genuss fördert Lebensfreude


Dazu kommt der Gesundheitsaspekt. Zunehmend mehr Leute ziehen eine gesundheitsbewusste Lebensweise vor – ohne Wein, ohne Alkohol. Selbstverständlich leben auch Weingeniessende gesundheitsbewusst, wenn sich die konsumierten Mengen in Grenzen halten. Diese lassen sich nicht durch einseitige Informationen und Kampagnen verunsichern. Namentlich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt ständig vor schädlichen Auswirkungen, wenn man nur ein Glas Wein geniesst. Auch in der Schweiz werden die Konsumentinnen und Konsumenten in dieser Frage zunehmend bevormundet.

 

Dagegen werden zwei wichtige Gesamtanalysen sämtlicher aktuellen Studien, die auf positive Effekte eines massvollen Alkoholkonsums hinweisen, unter den Tisch gewischt. «Die derzeit geführte Anti-Alkohol-Kampagne entbehrt in weiten Teilen einer differenzierten, wissenschaftlichen Grundlage», ist Master of Wine und Weinhändler Philipp Schwander überzeugt. Vieles bleibe pauschale Behauptung statt sorgfältig belegter Wissenschaft. So veröffentlichte neben der NASEM für den amerikanischen Kongress die «American Heart Association» im Juli 2025 eine evidenzbasierte Bewertung der gesundheitlichen Auswirkungen mässigen Alkoholkonsums. Dabei hob die weltweit führende Institution die positiven Effekte auf das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und plötzlichen Herztod hervor.

 

Ein Kulturgut in Gefahr?

 

Der gesundheitliche Aspekt ist das eine, die jahrtausendealte Weinkultur das andere. Kein anderes Getränk besitzt eine so lange Tradition. Viele Weingebiete sind auch einzigartige Kulturlandschaften, in den meisten Fällen spektakuläre wie etwa das Unesco-Weltkulturerbe Lavaux im Kanton Waadt. Wer versuche, Wein wegen des Alkohols zu einem Risikogetränk zu erklären, handle zutiefst kulturfeindlich, erklärt die Académie Internationale du Vin, eine Art Think Tank der Weinproduzenten. Aus der Schweiz ist etwa Mémoire-Mitglied Raymond Paccot von der Domaine La Colombe aus Féchy/VD dabei. Auch für ihn ist klar: «Wein auf ein simples Alkoholmolekül zu reduzieren, bedeutet, seine kulturelle, soziale und gesellschaftliche Dimension zu vergessen.» Georg Fromm aus Malans/GR, ebenfalls ein Vertreter der renommierten Schweizer Winzer-Organisation, ergänzt, ein Glas Wein trage in einer hektischen, schnelllebigen Zeit zur Entschleunigung bei und fördere die den zwischenmenschlichen Austausch. Und der deutsche Autor und Winzer Manfred Klimek hat in einem bemerkenswerten Essay geschrieben, dass sich eine Kultur selbst abschaffe, wenn sie dem Wein entsage. Er sei kein Laster, sondern vielmehr Lehrer: «Wein lehrt Geduld, Hingabe und Demut.»

 

Doch Tradition allein reicht nicht für eine verheissungsvolle Zukunft. Wegen der zunehmenden Wein-Abstinenz sind vielerorts Rebberge gefährdet, vorläufig noch nicht in der Schweiz, aber in anderen Anbaugebieten. So werden im Bordelais (FR) 9500 Hektar oder zehn Prozent der Gesamtfläche gerodet, um das Überangebot zu verringern. Jährlich werden 300'000 Liter Wein produziert, die keine Käufer finden. Das entspricht einer Menge von 400'000 Flaschen. Auch in Deutschland, wo rund 100'000 Hektar mit Reben bepflanzt sind, scheinen Weingärten mittelfristig in Gefahr zu sein, wie es kürzlich in einer Sendung des TV-Senders Arte über alkoholfreie Weine geheissen hatte.

 

Rettungsanker Weintourismus

 

Einer der Rettungsanker für die Weinbranche könnte indes der Weintourismus sein. Er gilt weltweit als «Wachstumstreiber mit Zukunft», wie aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der deutschen Fachhochschule Geisenheim mit dem «Global Wine Tourism Report 2025» zu entnehmen ist. Zwei Drittel der 1310 beteiligten Weingüter aus 47 Ländern bewerten den Weintourismus als profitabel. Er trage durchschnittlich zu rund einem Viertel des Gesamtumsatzes der Betriebe bei. Neben klassischen Angeboten wie Degustationen und Kellerführungen würden kulinarische Erlebnisse, Wellness-Angebote und kulturelle Veranstaltungen künftig an Bedeutung gewinnen.

 

Auch in der Schweiz ist ein starker Trend zum Weintourismus festzustellen. «Wir wollen das touristische Potenzial der Weinregionen systematisch fördern und erlebbar machen», lässt die Swiss Wine Promotion verlauten. Die Sichtbarkeit der Weinbranche müsse zudem gezielt vorangetrieben werden. Einer der Schritte ist der jährliche Wettbewerb «Best of Wine Tourism». Damit werden entsprechende Projekte ausgezeichnet. So wurde im 2025 die traditionsreiche Domaine du Mont d’Or in Sion/VS für ihr Engagement im Weintourismus und für die Aufwertung des Schweizer Weinerbes ausgezeichnet. Bleibt zu hoffen, dass dieses Erbe auch in Zukunft erhalten bleibt – dank verantwortungsvollen Winzerinnen und Winzern sowie massvollen Geniesserinnen und Geniessern.