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(Bild Joakim Loeb, swiss-cork.ch)

Mémoire-Tasting: Qualität und Vielfalt

9. März 2026 / Alain Kunz, Gabriel Tinguely

 

Das erste Mémoire-Tasting unter der neuen Führungsequipe auf Deutschschweizer Boden war ein voller Erfolg – wegen der Qualität der Weine, aber auch wegen des Verkostungskomforts. So folgte auf die interne Verkostung der neuen Jahrgänge im Partner-Restaurant Blaue Ente in Zürich die öffentliche Präsentation junger und gereifter Crus im Lake Side.

 

Das Programm für Fachleute und das weininteressierte Publikum bot eine enorme Vielfalt. Drei Weine aller 59 Mitglieder des Mémoire des Vins Suisses standen am 9. März im Lake Side in Zürich zur Verkostung bereit. Bei den jungen Weissweinen waren dies die Jahrgänge 2023 und 2024. Bei den Rotweinen gab es vornehmlich den Jahrgang 2024, vereinzelt auch 2022, zu entdecken. Dazu kamen gereifte Weine aus der Schatzkammer. Mehrheitlich wurde der Jahrgang 2017 ausgeschenkt. Ausserdem stand ein drittes Gewächs – ganz nach Gusto des Winzers – zur Verkostung bereit. Dies konnte auch mal eine Weltneuheit sein, wie der weisse Cayas von Jean-René Germanier aus Vétroz/VS, ein hundertprozentiger Heida, den Gilles Besse präsentierte.

 

Was bleibt von diesen Jahrgängen in Erinnerung? 

 

Was den 23er anbelangt, hatte eine Umfrage von Blick.ch grossen Enthusiasmus unter den Winzern an den Tag gebracht. Von «fantastisch» bis «Jahrhundert-Jahrgang» ging die Bandbreite der Erwartungen nach dem Jahr mit dem wärmsten September seit Messbeginn einher. Und doch war es kein Jahrgang für Sesselkleber. Hagel, Gewitter und Starkregen mit wiederkehrender Mehltau-Gefahr hielten die Winzer auf Trab.

 

Das Jahr 2024 verzeichnete einen der tiefsten Erträge seit 50 Jahren. Auf Wetterkapriolen aller Art – und das bereits im Frühling – folgte mehr Regen als trockene Tage im September, so dass die Winzer zitternd und mit der Wetter-App im Alarm-Modus ins Bett gingen. Tiefe Oechsle-Werte waren die Folge, und tiefe Erträge. Aber was gelesen werden konnte, war qualitativ überwiegend exzellent und führte zu eleganten Weinen. «Die Kühle des Jahrgangs erbrachte coole, frische, klassische Weine. Gerade bei den Sauvignon Blancs und den Weinen aus der Westschweiz», resümiert Nicht-Mémoire-Mitglied und Topwinzer Erich Meier aus Uetikon/ZH nach seinem Besuch im Lake Side. Erich Meier weiter: «Es ist ein kühles Jahr mit enorm hohem Level.»

 

In der Tat verbargen sich in den Flaschen mit der Etikette 2024 einige zarte, leichtfüssige und schwebende Weine von höchstem Level. Ein perfektes Beispiel: Der Petite Arvine Les Grand’ Rayes von Maurice Zufferey aus Sierre/VS. Andere weisse 24er waren trotz der erwarteten Leichtigkeit des Seins erstaunlich dicht und stoffig. Auch mehrere Chasselas. Was mittlerweile nicht mehr erstaunt. Denn die Schweiz ist auch dank des Klimawandels vielenorts kein Cool-Climate-Gebiet mehr. Das Wallis sowieso, aber ebenfalls das Mittelland.

 

Zu den 23ern: Führte die September-Hitze zur erwarteten Üppigkeit? Jein. Nehmen wir das Beispiel des Luzerner Weinguts Kastanienbaum. Dort führten die erwähnten Prämissen dazu, dass das Duo Kevin Studer und Denis Koch den vielleicht besten Pinot Noir Rosenau Spissen aller Zeiten in die Flaschen füllen konnten. Auch der Pinot Noir Selvenen von Marco Fromm aus Malans/GR und der Balin von Kopp von der Crone Visini aus Barbengo/TI, um nur zwei zu nennen, lieferten eine der besten Ausdrucksformen ihrer selbst. Das sind Weingüter respektive Lagen, denen ein bisschen mehr Wärme durchaus guttut. In Martin Donatschs ikonischem Pinot Noir Unique aus Malans/GR fand das Jahr 2023 gar eine Entsprechung, die ihresgleichen sucht.

 

Marmelade? Fehlanzeige. Und wenn, dann gewollt. Wie beim Süsswein Petite Arvine Grain noble unserer Weinkönigin Marie-Thérèse Chappaz aus Fully/VS. Für den wesensverwandten Grain par Grain des Jahrgangs 2020 erhielt sie von Parker – als nach wie vor einziger Schweizer Wein – die maximalen 100 Punkte. Der 23er ist nicht sehr weit von dieser Maximalpunktzahl entfernt.

 

Und so konnte Johannes Meier vom Schlossgut Bachtobel vom thurgauischen Ottenberg resümieren: «Das Grundniveau ist sehr hoch. Der Grundtenor des Publikums war: Wow – kein einziger schlechter Wein!» Und die festgestellte Dichte auch bei kühleren Jahrgängen? «Das ist schon ein bisschen dem Klima geschuldet. Dazu gibt es die Produzenten, welche die Jahrgänge voll ausspielen, und andere, die versuchen, eher einen Ausgleich zwischen den Jahren hinzubekommen. Aber egal: Generell ist die Bandbreite der Weine aus allen Regionen mit zum Beispiel acht Chasselas und fünfzehn Pinot Noirs einzigartig.»

 

Retrospektive Jahrgang 2017: kleine Menge, grosse Weine

 

Das 2017 ging als Jahr der Umbrüche und Katastrophen in die Geschichte ein. Donald Trump wurde für seine erste Amtszeit als Präsident der USA vereidigt. In Frankreich gewann Emmanuel Macron die Wahl zum Staatspräsidenten. Hamburg (DE) feierte die Eröffnung der Elbphilharmonie. Roger Federer gewann Schlag auf Schlag und holte sich den achten Sieg in Wimbledon (GB). Oberhalb von Bondo/GR bricht ein Teil der Nordflanke des Piz Cengalo ab und der Bergsturz verschüttet einen Teil des Dorfes.

 

Im Rebbau sorgten Frostkerzen und versprühtes Wasser, das zu Eis gefror, für spektakuläre Bilder. Doch die Nächte vom 19. Bis 22. April waren eine Katastrophe für die jungen Triebe. Unter sternenklarem Himmel sanken die Temperaturen bis auf Minus 7,8 Grad Celsius in Visp/VS. Vom grossen Frost waren alle Schweizer Weinbauregionen betroffen. Im weiteren Verlauf des Jahres zogen Unwetter mit Hagelschauern übers Land. Dazu kam ein Hitzesommer – dem nach 2003 und 2015 drittwärmsten seit Messbeginn. Als Folge fiel die Ernte mit 79 Millionen Litern (– 26 % gegenüber dem Vorjahr) so tief aus wie seit 1987 nicht mehr. 

 

Trotz Wetterkapriolen war die Qualität der geernteten Trauben sehr hoch. Mässiger Trockenstress führte zu kleineren Traubenbeeren mit weniger Saft, verhalf aber schliesslich auch zu einer frühen Ernte und einer guten Traubenqualität mit einem natürlich hohen Zuckergehalt. So liegen die mittleren Mostgewichte grösstenteils über dem langjährigen Durchschnitt.

 

Von den 59 Weingütern präsentierten 52 einen Wein des Jahrgangs 2017. Aufgrund des Frosts haben drei Betriebe ihren Schatzkammer-Wein nicht produzieren können und vier Produzenten wurden erst später Mitglied des Mémoire.

 

Gewiss hat der Trockenstress bei ein paar Weinen Spuren hinterlassen. So präsentierten sich zwei Weissweine mit leicht angegrauten Haaren und drei rote Crus konnten herbe, leicht trocknende Tannine (noch) nicht einbinden. Vielleich lag es nicht am Wein an sich, sondern an der Entwicklung in der verkosteten Flasche.

 

Die Weissweine erinnerten an Rubens Körper mit üppigen Formen. Dem einen oder anderen hätte eine Spur mehr Säure zur perfekten Balance verholfen. Diesen Schmelz gepaart mit viel reifer Frucht und sortentypischen Aromen – wie die Trüffelnoten im Les Claives, Hermitage la Rodeline aus Fully/VS oder im Ermitage Vielle Vigne, Les Serpentines der Domaine Gérald Besse aus Martigny/VS – zeigten, dass sie ihre optimale Trinkreife erlangt haben.

 

Kleine Traubenbeeren ergaben dichte und fast durchs Band dunkle Rotweine. Besonders positiv aufgefallen waren die Crus aus wärmeliebenden Sorten wie der Grand’ Cour aus Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon von Jean-Pierre Pellegrin aus Peissy/GE oder die Cuvée Charles Auguste, eine Assemblage aus Syrah und den beiden Cabernets, der Domaine de Crochet von Charles Rolaz aus Rolle/VD. Dass Gamay mit Trockenstress zurechtkommt, bewies der Gamay Les Romaines von Les Frères Dutruy aus Founex/VD genauso die die Tochtersorte Gamaret mit dem Mandragore der Domaine du Clos des Pins aus Dardagny/GE.

 

Mit Nuancen bei der Säure, dem Schmelz und den Tanninen zogen sich Waldbeeraromen mit Noten von Erdbeere, Himbeerdrops, Kirsche und ab und zu Cassis wie ein roter Faden durch die breite Pinot-Noir-Palette. Auch die Merlots aus dem Tessin überzeugten mit fruchtiger Tiefe und frischer Eleganz.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die 2017er Rotweine sind von allerbester Güte, bieten aktuell viel Trinkgenuss und haben dennoch ein Reifepotenzial für weitere fünf bis acht Jahre – mindestens.

Was die Gäste honorierten

 

Interessant war die Tatsache, dass dieses Jahr im Lake Side, im weinaffinen Zürich, weniger Besucherinnen und Besucher gezählt wurden als im Vorjahr im Lausanne Palace. Lag dies daran, dass der Eintrittspreis von 20 auf 45 Franken erhöht wurde? Wohl kaum! Denn wo sonst können junge und gereifte Jahrgänge miteinander verglichen werden. Etwas weniger Andrang kam aber dem Degustationskomfort zugute. In Lausanne war es teils sehr eng. Im Lake Side hingegen war es so cool und entspannt – wie die Weine und das Frühlingsambiente.