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Welche Zukunft hat der Merlot aus dem Tessin?
14. August 2026 / Dr. José Vouillamoz
Vor genau 120 Jahren, nämlich im Jahr 1906, wurde der erste Tessiner Merlot gekeltert. Die Trauben stammten aus einem Versuchsrebberg in Castelrotto/Vallombrosa. Nachdem der Wein für gut befunden wurde und die Reben den Erwartungen an den Wuchs entsprachen, avancierte Merlot zur heute am häufigsten angebauten Rebsorte im Tessin.
Erst 2009 gelang es Jean-Michel Boursiquot und seinem Team, mittels DNA-Profilierung die Herkunft der Rebsorte Merlot aufzudecken: Sie entstand vor etwa 250 Jahren im Bordelais aus einer natürlichen Kreuzung zwischen Cabernet Franc und Magdeleine Noire des Charentes, einer Rebsorte, die heute so gut wie ausgestorben ist.
Das Tessin im Kampf gegen die Reblaus
Vor etwas mehr als einem Jahrhundert verwüstete die Reblaus die Weinberge südlich der Alpen und vernichtete die traditionellen Tessiner Rebsorten wie die Freisa aus dem Piemont und die Rapa (deren offizieller Name Fortana lautet) aus der Lombardei sowie autochthone Rebsorten wie die Bondola. Die Lösung ist bekannt: eine europäische Rebsorte auf eine von Natur aus resistente amerikanische Unterlage zu veredeln. Beim Wiederaufbau der Weinberge wurden mehrere französische Rebsorten getestet: Pinot Noir, Cabernet Sauvignon oder auch Merlot. Letztere setzte sich durch: Bereits 1904 und 1905 gepflanzt und 1906 erstmals von Professor Alderige Fantuzzi zu Wein verarbeitet. Im Jahr 1908 wurde Merlot von Giovanni Rossi etabliert, der in Castelrotto/Vallombrosa den ersten wirklich experimentellen Weinberg anlegte, was ihm den Titel «Vater» des Tessiner Merlots einbrachte. Das Wagnis hat sich über alle Erwartungen hinaus gelohnt: Im Jahr 2024 bedeckt Merlot 864 der 1215,6 Hektaren der kantonalen Rebfläche, was 71 Prozent des Rebbestands entspricht.

Eine frühe Reife, die zum Problem wird
Der Merlot verdankt seinen Erfolg im Tessin zum Teil seiner frühen Reife, dank der er den Herbstregen entgeht: Im Tessin fallen durchschnittlich 1500 bis 2000 Millimeter Niederschlag pro Jahr, gegenüber 800 bis 900 Millimeter im Bordelais. Doch genau diese Frühreife wird heute zum Nachteil: Die Klimaerwärmung verfrüht die Lese, lässt den Säuregehalt sinken und konzentriert den Zuckergehalt, noch bevor die Aromen und Tannine vollständig ausgereift sind. Eine mögliche Lösung liegt in einer unauffälligen, aber entscheidenden Massnahme: der Klonauswahl. Ein Rebklon ist keine neue Rebsorte, sondern ein Individuum, das genetisch identisch mit dem Rebstock ist, von dem es durch Stecklinge stammt, und das sich von seinen Nachbarn durch kleine, natürliche Unterschiede auszeichnet, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben: Wuchskraft, Grösse der Trauben, Zuckergehalt, Anfälligkeit für Krankheiten und Vielem mehr.
Schweizer Klone auf dem Prüfstand
Im Tessin begann die Suche nach den besten Merlot-Klonen bereits 1955 mit Erkundungen in alten, vor der Klonierung angelegten Parzellen, gefolgt von Versuchen in Mezzana ab 1959 und anschliessend in Cugnasco. Ein entscheidender Versuch wurde anschliessend 2004 in Gudo angelegt, wo vier von Agroscope ausgewählte Tessiner Klone (RAC 19, RAC 20, RAC 21, RAC 77) sowie ein fünfter, vom Baumschulgärtner Andreas Meier ausgewählter Klon (RAC 65) sieben Jahre lang mit französischen (ENTAV 181, 343, 347, 447) und italienischen Referenzklonen verglichen wurden. Die 2022 von Jean-Laurent Spring und seinen Kollegen veröffentlichten Ergebnisse sind ermutigend: Die fünf Schweizer Klone weisen ein über- oder durchschnittliches Produktionspotenzial sowie eine gute Resistenz gegen Graufäule auf. Der RAC 19, der bereits der am weitesten verbreitete Schweizer Klon ist, und der RAC 77, der aus einer Erkundung in Giornico stammt, erreichen bei der Degustation ein Qualitätsniveau, das mit den besten französischen Klonen vergleichbar ist.

In Frankreich: Eine Vielfalt, die es wiederzugewinnen gilt
Im Jahr 1964 legte die ENTAV (heute IFV) die erste Referenzsammlung für Merlot in der Gironde an und wählte daraus zwölf Klone aus, die zwischen 1973 und 1976 zugelassen wurden. Heute werden nur noch drei davon (343, 347 und 182) tatsächlich in grossem Massstab verwendet. Eine Dissertation von Victoria Lesbats-Sichel, die 2023 am INRAE unter der Betreuung von Dr. Thierry Lacombe verteidigt wurde, bestätigt dies: Diese Auswahl hat einen regelrechten «Trichtereffekt» auf die genetische Vielfalt der Rebsorte bewirkt, und die in den 1960er-Jahren gewählten Kriterien (hoher Ertrag, hoher Zuckergehalt) sind für das heutige Klima nicht mehr geeignet. Der vielversprechendste Ansatz stammt aus einer privaten Sammlung in Bordeaux mit 55 alten, nicht klonalen Rebstössen, die sequenziert und mit den drei kommerziellen Klonen verglichen wurden: Einige weisen von Natur aus eine spätere Zuckermaturation auf, was den Weg für zukünftige, besser gerüstete Klone ebnet. Parallel dazu bewahren vier französische Konservatorien mehr als 150 nicht kommerzialisierte Merlot-Akzessionen auf, und andere Länder verfügen über eigene Kataloge: 37 zugelassene Klone in Italien, 14 in Deutschland, 10 in Österreich, wobei deren Zusammenhang mit den französischen Linien oft noch geklärt werden muss.

Das Tessin, das seit den 1950er Jahren eigene Klone entwickelt hat, wäre gut beraten, aus diesen noch unerschlossenen Diversitätsreservoirs zu schöpfen und einige dieser spät reifenden Rebsorten aus dem Bordelais auf seinen Terroirs zu testen, bevor sie endgültig verschwinden.
Was, wenn alte Reben ein Gedächtnis hätten?
Es gibt noch einen eher unerwarteten Ansatz: die Epigenetik. Diese Mechanismen beeinflussen die Genaktivität durch kleine chemische Markierungen, ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Stressfaktoren wie Hitze oder Trockenheit können diese Veränderungen auslösen, und da sich die Rebe durch Stecklinge vermehrt, werden einige davon von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Während des aussergewöhnlich heissen Jahrgangs 2022 in Bordeaux befürchteten viele, dass der Merlot am Rebstock «verkochen» würde; er hat jedoch oft besser standgehalten als erwartet. Ich hatte damals die Hypothese aufgestellt, dass diese Reben ein epigenetisches Gedächtnis an frühere Hitzewellen (2003, 2009, 2010, 2018, 2019, 2020) bewahrt hatten, was ihnen ermöglichte, schneller zu reagieren. Diese Hypothese muss noch bewiesen werden, spricht aber für den Erhalt alter Rebstöcke aus Massenselektion: Da sie bereits durch jahrzehntelangen Stress gestählt sind, wären sie von Natur aus besser auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereitet.
Zwischen sorgfältig ausgewählten Klonen aus dem Tessin, gerade erst wiederentdeckten französischen Rebsorten und Reben, die ein stilles Gedächtnis in sich tragen, verfügt der Merlot vielleicht über mehr Ressourcen, als man denkt. Es bleibt abzuwarten, ob diese ausreichen werden oder ob man eines Tages im Tessin etwas anderes als Merlot pflanzen muss (was ich nicht hoffe!).