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Gereifte Schweizer Weine stiessen auf grosses Interesse. Experte Hans Bättig (zweiter von rechts) gab bei der öffentllichen Verkostung von prämierten Weinen des Swiss Wine Vintage Award Auskunft über den Jahrgang 2016. (Bild Joakim Löb)

Swiss Wine Vintage Award 2026

1. September 2026 / Ulrich Sautter

 

Im Rahmen des Swiss Wine Vintage Awards wurden dieses Jahr Weine des Jahrgangs 2016 verkostet. Reflexionen von Ulrich Sauter über die Verkostung, das Weinjahr und die 2016er Weine – zehn Jahre später.

 

Wie schmecken Weine, die zehn Jahre lang reifen durften? Es ist ein faszinierendes Erlebnis, dieser Frage nachzugehen. Ende August bot sich die Gelegenheit dazu: Das Vintage Tasting am Vortag des Swiss Wine Tasting im Kunsthaus Zürich war den Weinen des Jahrgangs 2016 gewidmet. Für diesen «Vintage Day» hatte eine vierköpfige Jury bereits im Februar eine dreistellige Zahl an Weinen verkostet und bewertet, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Nach vier Tagen des Verkostens wählten die Sommelièren Anita Römer und Martina Wilhelm sowie der Önologe Hans Bättig und der Autor rund 70 Weine aus, welche Weininteressierte am «Vintage Day» verkosten konnten.

 

Dabei stellte sich die Jury im Lauf der vier Tage immer wieder die Frage nach dem Jahrgangstyp 2016. Bei den Verkostungen zum Swiss Wine Vintage Award der vergangenen Jahre hatte sich stets im Lauf der Proben eine recht klare Antwort herauskristallisiert: Bei den 2014ern ergab sich etwa als roter Faden, dass das kühle und eher feuchte Jahr straffe Geschmacksbilder hervorgebracht hat, die auf äusserst positive Weise reifen. Im eher warmen Jahrgang 2015 wiederum wiesen die Weine Kraft und zuweilen geradezu Wucht auf, balanciert durch einen sehr guten Extraktgehalt. Der Jahrgangstyp 2016 hingegen war auch nach vier Verkostungstagen nicht klar zu greifen, zu disparat waren die Stile zwischen den einzelnen Regionen, und zuweilen selbst innerhalb desselben Kantons. Daher möchte ich behaupten: «Den» Jahrgangstyp 2016 gibt es nicht. Die Weine dieses Jahrs sind von einem anderen Motiv bestimmt: von der Art, wie die jeweilige Winzerin oder der jeweilige Winzer auf die konkreten Naturbedingungen vor Ort reagiert hat.

 

Gezeichnet von Wetterkapriolen

Diese Behauptung wird plausibel, wenn man sich die klimatischen Bedingungen anschaut, die sich fast die ganze Vegetationsperiode hindurch in einer Art stop-and-go-Modus präsentierten: Nach dem sehr milden Winter 2015/2016 begann die Vegetation früh, doch kühle Phasen im März und April bremsten den Vorsprung wieder ab. Im Mai setzte sich die ungünstige Entwicklung fort: Die Temperaturen lagen unter dem langjährigen Mittel, gleichzeitig fiel vor allem auf der Alpennordseite aussergewöhnlich viel Regen. Noch problematischer wurde der Juni. Er war überwiegend trüb und regnerisch, mit häufigen Gewittern und Starkregen. An manchen Orten der Alpennordseite war das erste Halbjahr 2016 sogar das niederschlagsreichste seit Messbeginn Mitte des 19. Jahrhunderts. Die anhaltende Feuchtigkeit führte in den Rebbergen zu einem starken Befall mit Peronospora (falschem Mehltau). 

 

Diese Belastung wirkte sich allerdings regional sehr unterschiedlich aus, zumal Juli und August vielerorts warm und trocken waren. Einerseits förderlich, andererseits entstand mancherorts daraus die nächste Runde auf der Achterbahn dieses Jahrgangs. Der ersten zehn Tage des Juli standen fast in der ganzen Schweiz unter Hochdruckeinfluss, doch dann unterbrachen in schwülwarmer Witterung starke Gewitter den Sonnenschein, so etwa in Stabio/TI, Vevey/VD oder Wädenswil/ZH.

 

Neuchâtel gehörte von Januar bis Juni zu den Orten mit Rekordnässe (771 Millimeter), im August wiederum war die Region (gemeinsam mit Genf und dem Wallis) die trockenste des Landes, die Station Neuchâtel verzeichnete in diesem Monat nur gerade 27,3 Millimeter Regen (gegenüber 99,4 Millimeter im 30-jährigen Mittel). Das Wallis erhielt im ganzen Sommer nur etwa die Hälfte der normalen Regenmenge. Andernorts war es nass: Die Wetterstation Lugano beispielsweise zeichnete im Juli 2016 nahezu 50 Prozent mehr Regen auf als üblich.

 

Der September war dann schweizweit der drittwärmste seit Messbeginn, 2,5 Grad Celsius wärmer als die 30-jährige Norm, wobei die Messwerte in Sion/VS um 3,2 Grad über der Norm lagen, in Locarno/TI um 3,1 Grad, im Zürich, Basel und Neuchâtel um 2,7 Grad. Grosso modo retteten der warme, trockene Spätsommer und Frühherbst einen zunächst problematischen Jahrgang, da er es den Reben gestattete, ihren im Frühjahr und Frühsommer erworbenen Vegetationsrückstand aufzuholen. Doch auch hier bekommt das Bild wieder Risse, denn Mitte September konnte es lokal wieder regnerisch und trüb sein – je nach Reifezustand der Trauben und Rebsorte zur Unzeit. In der Nacht vom 26. auf 27. September brachte eine Regenfront der Zentralschweiz, dem Zürcher Oberland, Schaffhausen und der Bodenseeregion Gewitter und ergiebige Regenfälle. Wo die Trauben noch bis in den Oktober hinein am Stock hingen, fand die Lese unter kalten und teils auch regnerischen Bedingungen statt. Bereits am 11. Oktober sank auf der Alpennordseite die Schneefallgrenze bis auf 1000 Meter.

 

Intuition und Improvisation

Es leuchtet ein, dass bei einem solchen Witterungsverlauf, der vom einen Extrem ins andere fällt, jede rebbauliche Entscheidung grosse Auswirkungen hat – möglicherweise auch andere als die beabsichtigten. Zwischenbegrünung und Laubarbeit hängen stark davon ab, welchen Wasserhaushalt und welche Intensität an Sonnenschein man erwartet. Diese Massnahmen lassen sich kaum auf rationale Weise planen, wenn sich die Bedingungen immer wieder abrupt verändern. Auch die Entscheidung über den Lesezeitpunkt lässt unter den skizzierten Bedingungen zahlreiche, sehr unterschiedliche Strategien zu – jede von ihnen mit spezifischen Vor- und Nachteilen. Zu guter Letzt spielt bei den Rotweinen auch eine Rolle, wie der einzelne Betrieb die Extraktion der Gerbstoffe angegangen ist hat: eher vorsichtig, um einer möglichen Inhomogenität der Phenolreife in den Trauben Rechnung zu tragen, oder all-in, weil die Trauben nach einem trockenen Herbst gesund und reif aussahen?

 

Der Jahrgang 2016 hat die Betriebe des Mémoire und generell die Winzerinnen und Winzer der Schweiz vor viele Rätsel und Probleme gestellt. Die Reaktionen der Weingüter sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Doch zehn Jahre später kann man konstatieren, dass die meisten Weine die Reifeprüfung mit Bravour bestanden haben.